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Ein offener Brief von betroffenen Frühcheneltern
an die Frühchenstation
Inhaltsverzeichnis:
> 1. Einleitung
2. Das kurze Leben von Pascal - eine
Skizze
3. Dank
4. Zusammenfassung unserer Kritikpunkte
5. Geburt und Beatmung
6. Trennung von der Mutter / den Eltern
7. Eltern-Kind Kontakt
8. Besucher- und Kleidungsregelung
9. Licht und Lärm
10. Räumliche Gegebenheiten
11. Starke Ödembildung - (un)vermeidbar?
12. Medikamentengabe
13. Komplikation Hirnblutung
14. Komplikation geblähter Abdomen
15. Sterbebegleitung
16. Psychologische Betreuung
17. Verwaltungsrituale - volle Verantwortung ohne
Mitbestimmungsrecht für die Eltern
18. Alles zum Wohle des Kindes?
19. Akteneinsicht und Fotodokumentation
Anhang
20. Die Frühgeburt
21. Zitat aus Marina Marcovich, »Frühgeborene
Zu klein zum Leben?«
22. Literaturhinweis
Vom
natürlichen Umgang mit frühgeborenen Kindern
Vermeidung
einer Frühgeburt
Literatur
Links
Kontakt
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Bitte unbedingt lesen, falls Sie zum ersten Mal diese Seite besuchen.
In unserem offenen Brief berichten wir als betroffene
Eltern über unsere Erfahrungen mit einem Klinikum. Unser Sohn wurde drei
Tage nach der vollendeten 26. Schwangerschaftswoche geboren und die Geschichte
hat kein glückliches Ende gefunden. Leider sind unsere in der Klinik gemachten
Erfahrungen nicht sehr positiv. Eine Bitte an werdende Eltern: Wenn sie
eine glückliche Schwangerschaft erleben und Sie mit der Betreuung während
der Schwangerschaft zufrieden sind, eine Klinik ihres Vertrauens haben,
dann empfehlen wir unseren offenen Brief nicht zu lesen. Eine stress-
und sorgenfreie Schwangerschaft und Vertrauen in sich selbst und das betreuende
medizinische Umfeld halten wir für sehr wichtig!
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Du
bist ins Leere entschwunden,
Aber im Blau des Himmels
Hast du eine unfassbare Spur zurückgelassen,
Im Wehen des Windes unter den Schatten
Ein unsichtbares Bild
(Rabindranath Tagore)
In Gedenken an unseren Sohn Pascal *2000+
1.
Einleitung
An das Pflegepersonal und Ärzteteam der Frühgeborenen-Intensivstation
Es sind nun schon ein paar Monate vergangen seitdem wir unseren Sohn in
der Klinik auf der Frühchenstation begleitet haben. Wir, die Eltern
von Pascal haben uns entschlossen der Station und seinen Bediensteten
unsere Erlebnisse und Erfahrungen während der neun Tage, in denen unser
Sohn auf Ihrer Station betreut wurde, sowie die Begebenheiten danach zu
schildern.
In den vergangenen Monaten, seit Geburt und Tod von unserem Sohn Pascal,
haben wir für uns die Ereignisse Revue passieren lassen und die Geschehnisse
reflektiert. Es blieben uns sehr gemischte Gefühle. Wir empfinden, dass
wir mit Pascal und er selbst (zu) wenige schöne Stunden verleben konnten/durften.
Wir sind froh, dass unser Sohn gelebt hat. Wir sind aber auch traurig,
dass er kein schönes Leben hatte. Wir sind enttäuscht, weil wir als Eltern
heute erkannt haben, dass dies nicht hätte so sein müssen. Wir verstehen
diesen Brief als einen konstruktiven Beitrag zur Veränderung in der Umgebung
und im Umgang mit frühgeborenen Kindern und deren Eltern. Leider geht
das nicht immer ohne Kritik, wir haben aber versucht diese verständlich
und klar darzulegen. Aus diesem Grund ist der Brief auch etwas länger
geworden. Wir hoffen das schreckt nicht vom Lesen ab.
Wir hatten auf der Station ein Gefühl, das uns sagte, dass diese Art der
Therapie nicht der "richtige Weg" ist. Begründen konnten wir das damals
nicht. Begründen können wir es dafür heute. Durch unsere Beschäftigung
mit dem Thema Frühgeburt, sind wir auf eine außergewöhnliche Frau gestoßen,
die uns mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung aus der Seele spricht (siehe
Buch: Frühgeborene Zu klein zum Leben? Von Marina Marcovich / Theresia
Maria de Jong, Fischer Verlag 1999). Wir wissen, dass auch bei Frau Marcovich
Kinder gestorben sind. Wir glauben dennoch, dass selbst diese Kinder ein
schöneres, und würdigeres Leben führen durften.
Wir finden es traurig und ärgerlich, dass diese Therapieform so wenig
Umsetzung findet. Sicherlich wurde die eine oder andere Vorgehensweise
von Frau Marcovich teilweise als Behandlungsbaustein auch auf der Frühchenstation
umgesetzt - aber das reicht uns als Eltern nicht. Es reicht uns vor allen
Dingen nicht, weil man diese Behandlungsmethode nicht zerlegen kann. Setzt
man vom einem 500er Puzzle 20 Einzelteile zusammen, so ergibt es noch
lange kein Bild und es kann dadurch nicht einmal erkennbar sein, was es
darstellt. Man kann vielleicht mit viel Phantasie eine Vorstellung davon
bekommen, dass es ein schönes Bild sein kann und daran glauben, dass es
irgendwann mit viel Geduld und Ausdauer fertig sein wird, wenn nicht jemand
kommt und es verwirft.
Wir sind enttäuscht, wie unsere Unwissenheit ausgenutzt wurde, nämlich
dadurch, dass man uns Eltern am liebsten nur die Fragen beantwortete,
auf die wir bereits selbst gekommen waren. Sicherlich ist es ein positiver
Gedanke, die Eltern nicht mit den negativen (potentiellen) Möglichkeiten
der Probleme zu belasten, das bedeutet aber auch, dass man die Eltern
nicht ernst nimmt. Nichts ist so belastend wie die Ungewissheit. Nichts
ist so belastend sich nicht auf Risiken vorher einstellen zu können und
stattdessen jeden Tag möglicherweise aufs neue aus allen Wolken zu fallen.
Die Art und Weise, in der wir als Eltern mehr oder weniger gut bis ausreichend
informiert wurden ließ in uns fortschreitend ein ungutes Gefühl aufkommen.
Wir persönlich sind der Ansicht, dass die an Pascal angewandte Schulmedizin
natürlich ihre Berechtigung hat, aber nur wenn es nicht anders geht. Behandlungen
und Medikamente sollten vorsichtig und zurückhaltend eingesetzt werden.
Dass aus schulmedizinischer Sicht eine Minimaltherapie umsetzbar ist und
dies unter gleichzeitiger, ständiger Präsenz aller schulmedizinischen
Möglichkeiten, zeigt Frau Marina Marcovich. Es enttäuscht uns im Allgemeinen,
dass ihre "Methode" nicht (für uns so wenig, dass wir von "nicht" sprechen)
praktiziert wird. Des Weiteren enttäuscht es uns konkret, weil wir durch
die Akteneinsicht erkennen mussten, dass unser Sohn unseres Erachtens
direkt nach der Geburt viel zu schnell intubiert wurde - drei bis vier
Minuten ist eine sehr kurze Zeit (siehe Kapitel 5.2 Intubation) - fast
nach dem Motto: was nicht sein kann, nicht sein darf, d.h. ohne Lungenreifungsprophylaxe
keine Lungenreife. Durch diese frühe Intubation hatte Pascal keine Möglichkeit
seine Eigenatmung zu finden. Durch diese Vorgehensweise und die Verweigerung
der Nähe zu den Eltern, speziell zur Mutter, wurde Pascal unserer Ansicht
nach sehr stark gestresst was auch die nachfolgende Gabe der vielen Medikamente
zur Folge haben könnte. Auch zu diesem Thema hat sich Frau Marcovich geäußert.
Viele Probleme die Pascal hatte, könnten auch durch die Nebenwirkungen
der vielen Medikamente verursacht worden sein und sind deshalb nicht unbedingt
als typische Frühchenerkrankungen darstellbar (siehe Kapitel 12 Medikamentengabe,
13 Komplikation: Hirnblutung, 14 Komplikation: geblähter Abdomen). Des
Weiteren enttäuscht es uns, dass uns Eltern nicht einmal Einfluss, gar
die Wahl an Therapiemöglichkeiten angeboten wurde. Viel lieber grenzt(e)
man das Thema komplett aus und ernennt das eigene Konzept als unumgänglich
und nahezu unfehlbar. Wenige von den Ärzten sehen es als notwendig Behandlungen
bei den Eltern zu motivieren. Das wirkliche Wohl des Kindes besteht für
uns nicht nur aus Messungen und Laborwerten. Das wirkliche Wohl begründet
sich aus unserer Sicht aus der Unterstützung und Stärkung des seelischen
Wohls und damit auch des körperlichen Wohlbefinden. Wie wenig Interesse
mancher Arzt am Klinikum also am wirklichen Wohl des Kindes und dessen
Eltern zeigte, haben wir erlebt (siehe Kapitel 7 Eltern-Kind Kontakt).
Es ist schade, dass die Bemühungen vieler Einzelner um Pascals Wohl, z.B.
durch einen besonders rücksichtsvollen und liebevollen Umgang mit ihm,
letztlich so wenig Einfluss auf seine Genesung hatte. Wir sind deshalb
der Ansicht, dass die Anwendung einer medizinischen Maximaltherapie und
eine Stressreizüberflutung nicht durch diesen liebevollen pflegerischen
Umgang kompensiert werden kann (siehe, Kapitel 6.2 Seelischer Stress und
seine Folgen, Kapitel 12 Medikamentengabe, Kapitel 14.3 Liebe als "Medizin").
Vielmehr als Linderung bleibt unseres Erachtens bei dieser Strategie leider
nicht übrig.
Es ist keine Basis für Vertrauen, wenn den Eltern unmissverständlich klar
gemacht wird, dass sie selbst bei ihrem Kind nicht mitreden dürfen und
nichts zu entscheiden haben, sondern nur zustimmen und kritiklos akzeptieren
können. Weiterhin ist es enttäuschend, dass in einem persönlichen Gespräch
völlig undifferenziert die schweren Erkrankungen und somit auch der Tod
unseres Kindes auf den Geburtsmodus zurückgeführt wurde (was soviel bedeutet,
das die Schuld allein die Mutter trifft, siehe Anhang, Kapitel 20 Die
Frühgeburt). Zum Glück wissen wir es für uns heute besser.
Auch wurde uns leider in einigen Fällen die Unwahrheit gesagt und Dinge
verschwiegen, (Kapitel 14.2.3 Operationsbericht und Informationspolitik,
Kapitel 19.1 Akteneinsicht, Kapitel 19.2 Fotodokumentation und Informationspolitik).
Solche Begebenheiten tragen nicht zu gegenseitigem Vertrauen bei. Über
die Motive können wir nur spekulieren. Die vielen Bemühungen anderer Ärzte
werden dadurch leider getrübt. Schade !
Wir haben in diesem Brief auf Namensnennungen verzichtet. Jeder, der den
Verlauf kennt, wird sich selbst hier und da vielleicht wiedererkennen.
Alles in allem ist die Betreuung von Frühgeborenen eine sehr schwierige
Aufgabe und es ist nicht leicht auf die verschiedenen Charaktere der Eltern
immer so einzugehen, wie sich die Eltern das jeweils wünschen. Beide,
Eltern und Ärzte, handeln nach Ihren Vorstellungen im Interesse des Kindes.
Wir sind der Ansicht, dass dazu gegenseitiges Vertrauen und Offenheit
vorhanden sein muss. Wir wünschen uns, dass eines Tages sich die "Methode"
Marcovich durchsetzen wird. Je früher desto besser. Bis dahin stimmt es
uns traurig, dass jeden Tag neue zu früh geborene Kinder unnötig leiden
müssen - sie müssen leiden, weil man ein schonendes Konzept einfach ignoriert.
Die Eltern von Pascal
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